Hüttenwerk Harz in Oker / Harlingerode

Von der PREUSSAG AG Metall zur Harz-Metall

illu_hmgAm Betriebsstandort in Oker/Harlingerode wurden schon im Mittelalter die aus dem Erzbergwerk Rammelsberg geförderten Erze verhüttet. Die Wurzeln der Anlage gehen auf  die 1527 gegründete Frau-Marien-Saigerhütte zurück. Die Herzöge von Braunschweig ließen hier seinerzeit Silber und Blei schmelzen. Bis hinein ins 19. Jahrhundert blieben die Produktionsmengen und Mitarbeiterzahlen jedoch aus heutiger Sicht noch äußerst bescheiden. 1866 erhielt die Hütte in Oker einen Gleisanschluss und profitierte von einem neuentdeckten Erzlager am Rammelsberg. Aus einigen hundert, wurden tausende Tonnen gewonnenes Kupfer und Blei. Auch Silber und Gold waren in geringerem Umfang Produkte der Hütte aus dem Rammelsberg-Erz. Wie die Produktion, weitete sich auch die Zahl der Mitarbeiter aus.

Nach dem ersten Weltkrieg ging die bis dahin rein staatliche Hütte teilweise in das Eigentum der neu gegründeten Preußischen Bergwerks und Hütten AG über (die allerdings auch in Staatsbesitz war). Unter dem Dach der eigens gegründeten Unterharzer Berg- und Hüttenwerke GmbH (zu ihr gehörten u. a. auch der Rammelsberg, das Erzbergwerk Grund, die Herzog-Julius-Hütte und die Frau-Sophien-Hütte) firmierte die Hütte als Hüttenwerke Oker. Nachdem es zuvor nicht gelang auch das Zink aus dem Rammelsberger Erz zu verhütten, kam Anfang des 20. Jahrhunderts der Durchbruch um die noch zinkreichen deponierten Schlacken der Blei-Hütte aufzuarbeiten. So konnte ab 1907 eine Zinkoxidhütte in Betrieb genommen werden. Im Nachgang des Rammelsberg-Projekts erfuhren auch die Hüttenwerke Oker ab 1935 eine umfangreiche Modernisierung. Maßgeblich verantwortlich war auch in Oker (wie auch an den heutigen Weltkulturerbestätten Rammelsberg und Zeche Zollverein in Essen) das Architekten-Büro Schupp und Kremmer. So entstand auch die spätere Zinkhütte Harlingerode auf der grünen Wiese. Ziel war es das Zink direkt aus dem Erz zu gewinnen und nicht nur aus dem Restgehalt der Schlacken. Das aus den Röstöfen stammende Zinkoxid wurde im New-Jersey-Verfahren zu Zink reduziert. Bis Kriegsende beschäftigte die Hütte auch eine nennenswerte Zahl ausländischer Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg wurde unter britischer Besatzung recht bald wieder mit einer stark dezimierten Belegschaft gearbeitet. Das spätere „Wirtschaftswunder“ erreichte auch die Hüttenwerke Oker und führte zu steigenden Mitarbeiterzahlen, neuen Anlagen  und steigender Produktion.

In den 1960er Jahren fasste die eigens gegründete PREUSSAG AG Metall die mittlerweile drei auf dem Areal operierenden Werke zusammen und übernahm Anteile, die sich noch im Besitz des Landes Niedersachsen befanden. Aus der Zinkhütte Harlingerode, der Zinkoxydhütte Oker und der Bleihütte Oker wurde das Hüttenwerk Harz. Ende der 1960er Jahre nahm die Wirtschaftlichkeit des ehemaligen Werks 1 im Zinkoxydbetrieb zunehmend ab. Die Schachtöfen wurden fortschreitend durch Drehrohröfen ersetzt. Die Halbschachtöfen des Werks 2 sollten darüber hinaus durch einen Schmelzzyklonbetrieb abgelöst werden. Die 1970er Jahre bedeuteten aus wirtschaftlichen Gründen das Ende der Bleierzverhüttung in Oker. Der Prozess wurde im verkleinerten Rahmen auf die Gewinnung von Blei aus Akkuschrott umgestellt. Die Mitarbeiterzahl verringerte sich durch diesen Schritt im Betriebsteil erheblich. 1977 wurde die Schmelzzyklonanlage im Bereich Zinkoxid in Betrieb genommen, lief jedoch nur unbefriedigend. Die Anlage war unzuverlässig und ihr Zinkoxid war qualitativ am eigenen Standort nicht verwertbar. 1981 erfolgte die Stilllegung zahlreicher Öfen im Bereich der Zinkhütte Harlingerode. Die Verhüttung von Zink im großen Stil endete mit diesem Schritt und man trennte sich von hunderten Mitarbeitern. 1985 wurde die problematische Schmelzzyklon-Anlage der Zinkoxydhütte dann auch bereits wieder stillgelegt. Die dürftige Wirtschaftlichkeit und fallende Metallpreise ließen der Unternehmensleitung kaum eine andere Wahl und die PREUSSAG betrieb ohnehin bereits die Trennung von ihren Metall-Aktivitäten. Das Hüttenwerk Harz ging an die neu gegründete Harz-Metall GmbH über und suchte seine Zukunft zunehmend im Geschäft mit Blei- und Polypropylen-Recycling aus Akkuschrott. Die GmbH gehörte zu diesem Zeitpunkt noch der PREUSSAG.

Mit dem Ende der Förderung auf dem Rammelsberg trennte sich die PREUSSAG von der PREUSSAG AG Metall. Im Zuge des Wandels des Gesamtkonzerns zum heutigen Touristikkonzern TUI, wurden die Hüttenaktivitäten Ende der 1980er an die Metaleurop S.A. übertragen. Der große Eisenhütten-Betrieb (PREUSSAG Stahl) in Salzgitter wurde zur Salzgitter AG. Der Charakter der Hütte hat sich mit der Stilllegung weiter Teile der Blei- und Zinkhütte seit den 1980er Jahren dramatisch verändert, die Bedeutung der Metallurgie nahm dabei ab. Dennoch konnten die Folgeunternehmen erfolgreich weiterbetrieben werden. Noch in den späten 1980er Jahren sah die Zukunft des Standortes ganz anders aus. Die Metallpreise waren am Boden, die PREUSSAG diversifizierte in völlig neue Geschäftsbereiche und zog sich aus dem zyklischen Metall- und Bergbaugeschäft zurück. Einige Betriebsteile waren bereits stillgelegt und für andere gab es bereits Stilllegungsbeschlüsse des PREUSSAG-Vorstands. Die Zinkhütte war trotz hoher Produktion nicht mehr konkurrenzfähig und wurde Mitte 1988 stillgelegt. Es bestand hoher Investitionsbedarf und die anhaltend fallenden Rohstoffpreise verdüsterten angesichts hoher Produktionskosten die Perspektive des wirtschaftlichen Betriebs sämtlicher Anlagen in Oker/Harlingerode.

Noch 1989 gab es am Hüttenstandort Pläne der Harz-Metall für eine teilweise Umnutzung als Müllverbrennungsanlage. 85 Mio. DM sollten investiert werden um 30.000 Tonnen Sondermüll pro Jahr verbrennen zu können. Interessanterweise drehte sich die Kritik an diesen Plänen damals sehr um den potenziellen Ausstoß von Dioxin bei einem Filterausfall. Das ist rückblickend deshalb so bemerkenswert, weil die zahlreichen Hüttenbetriebe im Ober- und Unterharz diesen Schadstoff ja über Jahrzehnte und Jahrhunderte ungefiltert ausgestoßen hatten und auch die Hüttentechnik in den 1980ern gerade erst begonnen hatte dem wachsenden Umweltbewusstsein durch aufwendige Filterung der Abgase Rechnung zu tragen. Einen Dioxinfilter erhielt der heute noch betriebene große Drehrohrofen der Hütte in Oker dann auch erst im Jahr 2001.

Letztendlich konnte die Krise nicht dem gesamten Hüttenstandort den illu_hmg2Todesstoß versetzen und so existiert auch heute noch ein einigermaßen reger Betrieb (die MVA wurde nie realisiert). Während zwischen den 1950er und 1980er Jahren mehrere tausend Menschen Arbeit in der Blei- und Zinkerzeugung auf der Hütte fanden, sind heute im Recycling nur noch wenige hundert Arbeitsplätze erhalten. Auch der Gebäudebestand hat sich über die vergangenen Jahrzehnte sichtbar dezimiert. Der Standort hat sich zu einem Recycling-Betrieb kleinerer, aber keineswegs bedeutungsloser Art verändert und sich neu erfunden. Von Unternehmensseite hat sich auch in Sachen Umweltschutz durchaus einiges getan. Die heutige Harz-Metall GmbH hat im noch verbliebenen Wälzbetrieb zur Zink-Gewinnung nicht nur moderne Filteranlagen nachgerüstet, sondern sich als Rechtsnachfolgerin auch zur Behandlung sämtlicher Altlasten der Unterharzer Hüttenwerke verpflichtet. Ganz trivial ist das nicht, denn die vor langer Zeit wohl etwas unbedarft aufgehaldeten Stoffe entzünden sich auch schon mal selbst und führen zu Schwelbränden in den Alt-Halden. Natürlich hat allein die Stilllegung früher elementarer Hütten-Betriebsteile einiges zur Verbesserung der Emissions-Situation beigetragen, wenn auch insbesondere Blei und Cadmium im unmittelbaren Umfeld noch ein Thema sind. Allein die Stilllegung der früheren Rösthütte und ihrer Ofenhäuser, der damit verbundenen Schwefelsäure-Produktion und das Ende der Blei-Raffination 2001 sind hier Beispiele die für Entspannung sorgten. Während noch bis in die 1980er Jahren nicht selten SMOG-Alarm um Oker/Harlingerode ausgerufen werden musste, ist das heute nicht mehr der Fall. Nichtsdestotrotz sind die Schwermetallbelastung und die Alt-Halden-Problematik an ehemaligen und verbliebenen Hüttenstandorten bis heute ein heißes Thema im Harz. Naturschutzverbände begleiten diesen Prozess kritisch. Wahrscheinlich ist das im Hinblick auf die in den teilweise hunderte Jahre alten Halden reagierenden Stoffen auch nicht unberechtigt, stößt aber naturgemäß auch immer wieder an die Grenze dessen was technisch und betriebswirtschaftlich leistbar ist. Die Belastungen von Böden und Alt-Deponien sind sicherlich ein Thema, das an vielen, teilweise viele hundert Jahre alten Hütten(alt)-Standorten und ihrer Umgebung noch eine ganze Weile aktuell bleiben wird. Hinzu kommt, dass einige traditionell problematische Betriebsteile aufgrund hoher notwendiger Investitionen bereits vor langer Zeit von der PREUSSAG stillgelegt wurden und die Altlasten noch heute kostenintensiv beseitigt werden müssen. Z.B. wurde auf dem Gelände als Nebenprodukt zwischen 1950 und 1983 auch Rattengift auf Basis des Sondermetalls Thallium produziert. Der millionenschwere Rückbau der entsprechenden Anlage in 2012 fand im Interesse der Anlieger unter hohen Schutzmaßnahmen und großem öffentlichen Interesse statt.

Manche der Ende der 1980er schon totgesagten Betriebsteile haben noch eine Weile weiter existiert, andere bis heute den Umschwung geschafft. Dazu gehörte die Zinkhütte, die nach ihrer Stilllegung 1988 noch bis ins Jahr 2000 in stark verkleinertem Rahmen weiterproduzieren konnte. Der im Vergleich zur Produktion jedoch zu hohe Investitionsbedarf für einen umweltgerechten und wirtschaftlichen Weiterbetrieb bedeutete ihr endgültiges Ende. Auf dem Zinkhütten-Areal befindet sich heute eine Elektrorecycling-Anlage, die noch zu PREUSSAG-Zeiten, gemeinsam mit der Deutschen Bundespost / Telekom, der Siemens AG, Alcatel SEL AG und der Noell GmbH konzipiert worden war und nun selbstständig agiert.

Auf dem Areal der heutigen Harz-Metall GmbH befindet sich die NORZINCO, ein Unternehmen zur Erzeugung von Zinkoxid und Zinkstaub nach dem New-Jersey-Verfahren (das bereits 1935 auf der Zinkhütte Harlingerode Einzug hielt). Auf dem einst von Röst-, Schacht-, Halbschacht- und Drehrohröfen dominierten Hüttengelände befindet sich im Zinkoxydbereich nur noch ein Wälzebtrieb der Harz-Metall. Er betreibt Zink-Gewinnung aus Stahlwerksstäuben im Drehrohrofen. Neben diesem Bereich existiert eine Aufbereitung für Blei-Akku-Schrott. Die „C2P“ fertigt aus geshreddertem Polypropylen (u.a. Batterieverkleidungen, aber auch Werkstoff u. a. in der Elektro- und Automobilindustrie) wieder Granulat zur erneuten Verwendung von Kunststoffverkleidungen. Das zurückgewonnene Blei geht heutzutage zur Weiterberarbeitung an die konzerneigene Bleihütte in Nordenham. Die Gebäude der ehemaligen Primärhütten auf dem Gelände in Oker / Harlingerode wurden zunehmend für die Recycling-Aktivitäten umgenutzt oder abgebrochen. Am umfangreichsten erhalten sind die Anlagen des Zinkoxyd-Werks II. Sie beheimaten heute den Wälzbetrieb. Die wenig glückreiche Schmelzzyklon-Anlage beherbergt heute die Trockenstaubannahme und -pelletierung für den Wälzbetrieb.

Die heutige Aufteilung der Unternehmensteile ist keine Erfindung der Post-PREUSSAG-Ära. Schon früher arbeiteten am Standort die Zinkhütte, Zinkoxydhütte und Bleihütte relativ unabhängig voneinander und auch längst verrentete Alt-Mitarbeiter trennen noch heute strikt nach Blei-, Zink- und Zinkoxyd-Aktivitäten ihrer Hütte. Die heutige Harz-Metall gehört nun zur Recyclex Group, ehem. Metaleurop S.A. Metaleurop und Norzinco haben größtenteils französische Wurzeln und so befindet sich der Hauptsitz in Paris.

Vater, Großvater und Ur-Großmutter des Autors dieser Seiten haben bei den Hüttenwerken Harz gearbeitet. Die Ur-Großmutter hat bei einem Arbeitsunfall ihr Leben verloren. Vater hatte auch schon mal „Blei“. Der Opa träumt heute noch manchmal von der Hütte und weiß manche interessante Geschichte zu erzählen. Für mich boten die einst bedeutendsten Arbeitgeber der Region (Rammelsberg, Goslar und Hüttenwerk Harz) keine berufliche Perspektive mehr, begründeten aber bis zum heutigen Tage das Interesse an der Schwerindustrie und Industriekultur.

Ob sich die Transformation des traditionsreichen PREUSSAG-Konzerns zur TUI gelohnt hat, kann man durchaus kritisch bewerten.  Zwar ist die TUI durch Zukäufe (u. a. Thomas Cook) der größte Reise-/Touristikkonzern Europas geworden, doch bedeutete der Weg dorthin auch Schulden und sehr teure Übernahmen. Der Konzern erwirtschaftet immer wieder Verluste und erzielt geringe Margen. Enttäuschte Anleger sahen in dem Prozess eine gigantische Wertvernichtung und das Unternehmen stieg vom DAX in den MDAX ab. 2013 wurde der Konzern-Umbauer und einst vom Großaktionär West-LB installierte PREUSSAG/TUI-Chef Michael Frenzel gegen den Vodafone-Deutschland-CEO Fritz Joussen ausgetauscht. Zwei Dinge haben beide gemeinsam: Die Touristik war ihnen bei Amtsantritt fremd und beide starteten ihre Karriere zum CEO in später zwangsgewandelten Montan-Konzernen (Joussen bei Mannesmann/Vodafone). Er wird die Zentrale in Hannover von 186 auf 100 Mitarbeiter reduzieren. Die Mehrheit an Hapag Lloyd (1997 eine der maßgeblichen Säulen auf die sich die beginnende Transformation der PREUSSAG stützte) hat man mittlerweile wieder abgegeben. Bei der TUI Deutschland arbeiten noch rund 5.000 Mitarbeiter. Die Musik im Gesamtkonzern spielt heute zum Großteil in England. Dort hat man die Führung der Touristikaktivitäten bei TUI Travel zusammengefasst. Der einstige Riesen-Konzern und Arbeitgeber PREUSSAG ist in Deutschland nicht mehr wiederzuerkennen.

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