Hüttenwerk Meiderich (Landschaftspark Duisburg-Nord)

Ein Hüttenwerk wird Landschaftspark

Hüttenwerk Duisburg MeiderichDas Hüttenwerk in Meiderich ist heute das Kernstück des rund 200ha großen Landschaftsparks Duisburg-Nord. Das von August Thyssen am 17.03.1902 als „Aktiengesellschaft für Hüttenbetrieb“ gegründete Werk nahm 1903 mit drei Hochöfen die Produktion auf. Bis zum Jahr 1908 wurden alle fünf Hochöfen in Betrieb genommen. Erst die im ausgehenden 19. Jahrhundert verfügbare Technologie zur Gewinnung von Koks aus Steinkohle, machte die kolossartigen Hochofen-Werke wie sie heute besichtigt werden können, und teilweise noch immer in Betrieb sind, überhaupt möglich. Zuvor standen ausschließlich holzbefeuerte Anlagen mit weitaus geringerer Produktion zur Verfügung. Im Jahr 1926 ging die Meidericher Hütte mit in den Vereinigten Stahlwerken auf. Später wurden die Anlagen pachtweise von der August Thyssen Hütte AG übernommen. Der entsprechende Betriebsüberlassungsvertrag galt seit dem 1. Oktober 1965. Der damalige Thyssen-Vorstand verstand es mit dieser Maßnahme, die auch andere Werke erfasste, den Konzern neu zu ordnen und die einzelnen Betriebsteile besser aufeinander abzustimmen. Bis zur Stilllegung wurde in Meiderich hauptsächlich Roheisen produziert, das u. a. auch an die angegliederte Gießerei geliefert wurde. Am 4. April 1985 war nach einiger Zeit des Hoffens und des Bangens der Tag der letzten Schicht gekommen.

Was waren die Gründe? Die gesamte deutsche Stahlbranche litt seit den späten 60er Jahren und immer deutlicher ab den frühen 70ern unter den Turbulenzen in der Währungspolitik, der Lohnkostenerhöhung und den steigenden Rohstoffpreisen. Die D-Mark wurde aufgewertet, der Dollar stürzte ab. Erhebliche Veränderungen der Weltmarktpreise für Kokskohle und Eisenerz, sowie die seit 1969 durch den leergefegten Arbeitsmarkt drastisch gestiegenen Lohnkosten brachten die deutsche Stahlindustrie ins Wanken. Ein Übriges taten seit Jahren die trotz Hüttenvertrag entstehenden Sonderbelastungen durch politisch erzwungene Abnahme deutscher Steinkohle. Ihr Preis lag trotz aller politischen Ausgleichsversuche für die Hütten über dem Weltmarktpreis. Da die Krise anhielt, ergriff die EG Maßnahmen, die vor allem die deutsche Stahlindustrie hart trafen. Thyssen gab dadurch nach dem Spitzenjahr 1974 stetig Produktionsvolumen ab. Nicht verschweigen darf man hierbei allerdings, dass die europäischen Stahlkonzerne selbst die Steigerung des weltweiten Stahlbedarfes maßlos überschätzt hatten und somit Anfang der 80er Jahre auf Überkapazitäten saßen. Während andere europäische Staaten sich entgegen bestehender EG-Verträge einen Subventionswettlauf lieferten, hielt sich die Bundesrepublik zurück. Die staatlichen Hilfen zur Überwindung der Stahlkrise beschränkten sich auf insgesamt sieben Milliarden DM, was nur ein Bruchteil dessen war, was Italien, Frankreich und Groß Britannien ihrer Stahlindustrie zukommen ließen. Die deutsche Stahlindustrie stand somit sowohl auf dem Weltmarkt, als auch innerhalb Europas mit dem Rücken zur Wand. 1983 fand eine Umorganisation des Thyssen-Konzerns statt in deren Verlauf der gesamte Stahlbereich in die Thyssen Stahl AG ausgegliedert wurde. Zum Umstrukturierungsprozess gehörte auch das sog. „Konzept 900“, dass die Monatsproduktion an Rohstahl auf 900 Tsd. Tonnen absenken sollte um die Produktions-Kapazitäten dem schrumpfenden Markt für deutschen Thyssen-Stahl anzupassen. Thyssen trennte sich von den Standorten die sich wenig positiv oder gar negativ auf das Ergebnis auswirkten zu erst. So kam es, dass auch das Meidericher Hüttenwerk trotz weltweit anerkannt moderner Technik das Aus ereilte. 57 Millionen Tonnen Roheisen waren in den 82 Jahren bis zu jenem Tag, als die Arbeiter das Werk im April ’85 das letzte Mal verließen, in Meiderich produziert und größtenteils mit den Torpedopfannenwagen über die Köln-Mindener Eisenbahnstrecke zu den Gießereien gebracht worden.

Nach der Aufgabe der Produktion wurde es erst einmal still in Meiderich. Viele ehemalige Mitarbeiter wurden in Ruhestand oder Vorruhestand geschickt, andere wurden in den umliegenden Werken eingesetzt. Das nach wie vor weithin sichtbare Hüttenwerk saß wie ein Stachel in dieser Wunde. Es sollte bis zum Jahr 1989 dauern, bis sich jene Bürger durchsetzten, die das Areal als Teil und Zeuge der Hochindustriealisierung und Kultur des Ruhrgebietes erhalten wollten. Im Jahr 1991 wurde das Werk als Teil der „Internationalen Bau Ausstellung Emscherpark“ der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht und stellt eines der größten und wichtigsten Industriedenkmale im ganzen Ruhrgebiet dar.

Spätestens seit der aufsehenerregenden Lichtinszenierung durch den britischen Künstler Jonathan Park, hat sich der Landschaftspark Duisburg Nord als fester Bestandteil der meisten Ruhrgebiets-Touren etabliert. An Wochenenden und vor Feiertagen erstrahlt die gesamte Anlage im Glanz stimmungsvoller Lichtspiele. Rund um die Anlage erobert sich die Natur nach und nach das eine oder andere Terrain – oftmals Pflanzen aus fernen Ländern. Man schätzt, dass sich ca. 300 Pflanzen und allein 60 Vogelarten neu angesiedelt haben. Einige exotische Pflanzen haben erst mit den Erz-Importen den Weg nach Duisburg gefunden. Aber auch die früher ausgesperrten Menschen beginnen die Anlagen für neue Zwecke zu nutzen. So finden Kinder hier einen der sicher ungewöhnlichsten Spielplätze Deutschlands. Mitglieder des Deutschen Alpenvereins haben im Bereich des Möllerbunkers einen Kletterpark eingerichtet und der kreativ präparierte Gasometer wird regelmäßig von Tauchern erkundet. In der ehemaligen Kraftzentrale und der Gebläsehalle finden heute häufiger Veranstaltungen statt. Auch die Gastronomie hat sich niedergelassen und bietet dem Industriekultur-Touristen eine Möglichkeit zur Rast.