Forges de la Providence – Carsid in Charleroi

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Forges de la Providence – Carsid in Charleroi 2018-10-30T03:26:52+00:00

Rund 200 Jahre Hüttenindustrie in Charleroi gehen zu Ende

Carsid - Forges de la Providence - Charleroi

Carsid (Forges de la Providence – Charleroi)

Begünstigt durch die Lage an Kohle- und Erzminen sowie nah an Wasserwegen, begann in der Region um Charlereoi Anfang des 19. Jahrhunderts die Roheisenerzeugung per Hochofen. Die Industrialisierung in der Wallonie schritt schnell voran und so wurden 1836 auch die späteren Forges de la Providence gegründet. Zunächst wurde ein Stahlwerk in Marchienne-au-Pont errichtet, einer Gemeinde die später mit Charleroi verschmolz. Der erste Hochofen wurde 1866 in Betrieb genommen. 1952 wurde die moderne Kokerei in Marchienne-au-Pont gebaut und 1981 um eine weitere Batterie erweitert. Die Gesellschaft blieb bis 1966 unabhängig, ging dann aber auf Wunsch des zwischenzeitigen Mehrheitseigners an Cockerill-Ougrée (Lüttich) und Forges de la Providence (Charlereoi) eine Fusion ein: Cockerill-Ougrée-Providence entstand.

Die in Westeuropa in den späten 1960er Jahren herrschenden und noch folgenden Stahlkrisen führten zu zahlreichen Konsoliderungen und so war auch die weitere Geschichte der Betriebe der Forges de la Providence eine sehr wechselvolle. So löste Thy-Marcinelle und Monceau (TMM) die La Providence-Gruppe wieder aus der Gruppe Cockerill-Ougrée-Providence heraus und formierte ab 1979 als Thy-Marcinelle-Providence. Zur Freude der Gewerkschaften hatte man so doch noch die regionale Fusion bekommen, die man sich schon vor der Übernahme durch Cockerill aus Lüttich gewünscht hatte. Aber die Freude war nicht von langer Dauer. Die Stahlkrise übte immer mehr Druck auf die belgische Stahlindustrie aus und aus mehreren Schwachen wurde noch lange kein Starker. 1980 kam Thy-Marcinelle unter Kontrolle von Hainaut Sambre, ebenfalls aus Charleroi. Durch eine Fusion von Cockerill und Hainaut-Sambre ging auch Forges de la Prvodence wieder in einen Verbund mit Cockerill auf. Der neue Konzern hieß Cockerill-Sambre. Einige Zeit blieb dieses Konstrukt nun stabil und es setzte eine gewisse Erholung in der gesamten Stahlbranche ein. Doch in den 1990er Jahren kam die Stahlkrise zurück und Cockrill-Sambre ging 1998 an den französischen Konzern Usinor.

Ältere Hochöfen waren bereits stillgelegt oder abgebrochen als der Stahlhändler Duferco das Werk 2001 von Usinor übernahm. Es existierten noch Hochofen 4 und 5 sowie ein Lichtbogenofen. Hochofen 5 war stillgelegt und wurde in den frühen 2000er Jahren abgebrochen. Duferco hatte zuvor schon das Hüttenwerk „Forges de Clabecq“ im belgischen Clabecq/Tubize erworben. Die Stahlaktivitäten in Charleroi firmierten fortan als „Carsid“ unter dem Dach des Schweizer Konzerns. Usinor selbst wiederum fusionierte 2002 mit der spanischen Aceralia S.S. und Arbed aus Luxemburg zur Arcelor. Im Rahmen dieser Fusion wurde bereits früh festgelegt, dass die heiße Phase in Charleroi kein Teil davon sein würde und abgestoßen werden müsse (die neu gegründete Arcelor wurde 2011 von Mittal Steel übernommen und firmiert seitdem als ArcelorMittal).

1979 gegründet vom Italiener Bruno Bolfo in New York und Sao Paulo, wurde der Sitz  von Duferco 1982 in das  schweizerische Lugano verlegt. Mittlerweile hat das Unternehmen seinen Sitz in Luxemburg, wird aber operativ weiter von der Schweiz aus geführt. Unternehmensziel war ursprünglich der Export von brasilianischem Stahl. Später weitete Duferco seine Aktivitäten auf den Rohstoffhandel für die Stahlindustrie aus (Koks, Erz, Schrott etc.) und begann später unwirtschaftliche Hüttenwerke in Belgien, Italien und Osteuropa für kleines Geld zu übernehmen. Die Werke waren zu diesem Zeitpunkt meistens bereits veraltet, nicht mehr konkurrenzähig, teilweise stillgelegt und in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Der Staat hatte nicht selten auch seine Finger im Spiel, konnte er doch mit Beihilfen wenigstens wieder ein paar Arbeitsplätze in den seit Jahrzehnten kriselnden Stahlregionen retten. Später sollte das in Belgien noch zum Problem – und rückabgewickelt – werden. Da die stetige Unruhe auch immer schärfere Gewerkschaftsproteste zur Folge hatte, zeigten sich die abgebenden Partner großzügig und gaben Carsid über komplizierte, lang laufende Vertragsklauseln ansehnliche Millionenbeträge an Kapital mit auf den Weg. Es gelang Duferco so mit den günstig erworbenen Restaktivitäten das Geschäft weiter auszubauen, während große Teile der übernommenen Werke nach längerem Niedergang bereits brach lagen oder rasch stillgelegt wurden. Integrierte Hüttenwerke abseits der Weltmeere sind in Zeiten der Versorgung per Schiff eine aussterbende Spezies, zumal die scharfen Umweltauflagen in der EU eine Produktion nah an Großstadtzentren für große integrierte Hüttenwerke immer weiter erschweren.

Carsid Kokerei

Carsid Kokerei

Duferco legte 2001 die heiße Phase in Clabecq still und nutzte nur noch den günstigeren Hochofen 4 von Carsid in Marcinelle als Versorger seiner Walzwerke. Er war der letzte produktive Rest der heißen Phase in den Hüttenwerken die Duferco in Belgien übernommen hatte (neben Carsid die ehem. Usines Gustave Boël, La Louviere und Forges de Clabecq). Während anderswo schon die Abbruchbirne kreiste, wurde Hochofen 4 in Charleroi im Jahr 2007 noch einmal von Duferco modernisiert und neu zugestellt. Carsid wurde zu diesem Zeitpunkt Teil eines Joint Ventures von Duferco mit Novolipetsk Steel (Russland).  Die Kokerei in Charleroi wurde aufgrund der hohen Umweltbelastung stillgelegt und stattdessen Koks von Novolipetsk Steel aus Russland bezogen. Wirtschaftlich und umweltpolitisch war die Kokerei nicht mehr ohne große Investitionen zu betreiben, allerdings stieß die Qualität des russischen Kokses nicht auf Begeisterung und dieser musste immerhin mehrere tausend Kilometer transportiert werden. Doch lange musste Novolipetsk nicht liefern, denn bereits Ende 2008 wurde der sanierte Hochofen 4 aus wirtschaftlichen Gründen wieder stillgelegt. Die geplante Wiederinbetriebnahme wurde aufgrund der Überkapazitäten im Markt noch viele Male verschoben. Gewerkschaft FGTB und Duferco verhandelten dennoch weiter über den Bau einer neuen Kokerei für 120 Millionen Euro und eine Zukunft der heißen Phase in Charleroi.

Doch die Entwicklung der Erz- und Stahlpreise arbeitete gegen eine Zukunft für Carsid. In Europa gab es einfach nicht genug Nachfrage und die Rohstoffe waren nur noch teuer aus dem Ausland zu beschaffen. Um wirtschaftlich fortbestehen zu können, hätten die Stahlpreise 2010 um ca. 30% anziehen müssen – was sie nicht taten. Die noch rund 1.000 Arbeiter rund um den Hochofen waren zwischenzeitlich ohne Beschäftigung, wurden jedoch z. T. noch weiter bezahlt, u. a. durch den Verkauf von CO2-Verschmutzungszertifikaten (einst vom Staat kostenlos übertragen, hatten sie nun einen Wert von rund 120 Millionen Euro), die Carsid ohne laufende Produktion nicht mehr selbst benötigte. Es war letztendlich auch eine Unterstützung des Staates im Hinblick auf noch mögliche Übernahmeinteressenten. Denn Belgien hätte die CO2-Verschmutzungsrechte auch streichen und der Zielerreichung nach dem Klimaschutzabkommen zurechnen dürfen.  

Das Joint Venture mit dem russischen Partner endete 2011. Die Betriebe wurden zwischen beiden Partnern aufgeteilt, Carsid blieb bei Duferco. Noch 2012 versuchte Duferco einen Käufer zu finden, zuletzt auch unter chinesischen Interessenten. Immer wieder kamen auch aus der Politik Signale, dass es noch Interessenten geben würde. Doch der Verkauf gelang letztendlich nicht und da die Arbeitslosenhilfe des Staates und die Refinanzierung über den Verkauf von CO2-Zertifikaten ausliefen, wurde 2012 die entgültige Schließung des Werkes beschlossen. Auch eine Nachfolgelösung bei direktem Engagement des Staates (u. a. wurde eine Gesellschaft rund um ein neues Elektrostahlwerk diskutiert) wurde verworfen. Die letzten 1.000 Arbeiter verloren zwischen März und Dezember 2012 endgültig ihre Jobs. 500 von ihnen fanden in den folgenden zwei Jahren einen neuen Job, 400 wurden frühverrentet. Es wird von 3.000 bis 4.000 indirekten Arbeitsplatzverlusten ausgegangen. Die durch den Niedergang von Kohle und Stahl in der Region ohnehin längst hohe Arbeitslosigkeit in der Wallonie (und insbesondere in Charleroi) bekam so nochmals einen Dämpfer. 200 Millionen Euro, die der belgische Staat für die Entwicklung von Carsid bereitgestellt hatte, sollen nun der Förderung neuer Arbeitsplätze zugeführt werden.

Am Standort produzieren heute unter dem traditionsreichen Namen „Thy-Marcinelle“ noch ein Walzdrahtwerk mit einem Lichtbogenofen (es gehört zum italienischen Riva-Konzern) und der Flachstahlproduzent industeel in Marchienne-au-Pont, eine Tochter von ArcelorMittal. Zusammen geben sie noch rund 2.000 Stahlarbeitern Beschäftigung. In der Nähe läuft in Châtelet noch ein Elektrostahlwerk von Aperam, einer Abspaltung von ArcelorMittal. So ist die Stahlindustrie in und rund um Charleroi noch vertreten aber längst nicht mehr prägend und einen aktiven Hochofen gibt es nicht mehr. Der Carsid-Eigentümer Duferco wandelt sich mehr und mehr in Richtung Energie, Reederei und Logistik. Die Stahlhandelsgeschäfte von Duferco liegen mittlerweile zu 51% in chinesischer Hand und gehören Hebei Steel. Die riesigen Flächen der einst übernommenen Hüttenwerke werden geschliffen und am Immobilienmarkt platziert. Insbesondere in Belgien ist Duferco im Immobiliensektor durch die großen dort vorhandenen ehemaligen Industrieflächen aktiv. Auch die auf 104 Hektar verteilten Carsid-Anlagen in Charleroi werden seit 2014 rückgebaut und sollen Wohnraum sowie Gewerbeansiedlungen weichen. 2017 gab es einen großen Brand auf dem Gelände der Kokerei. Ein ca. 150 Meter langes Förderband am Kohlenturm stand in Flammen und ist seitdem einsturzgefährdet. Einige Initiativen möchten Hochofen 4 als Denkmal erhalten. Die wallonische Regierung hat 2018 4 Millionen Euro (ungefährer Schrottwert) bereitgestellt, damit Charleroi den Hochofen von Duferco kaufen kann. Noch ist der Erhalt aber nicht gesichert.

Nach Bekanntwerden des Umfangs staatlicher Hilfen für Duferco leitete die Europäische Union ein Verfahren ein. Insgesamt sind beim Kauf der drei belgischen Werke rund 500 Millionen Euro geflossen. Rund 211 Millionen Euro sah die EU Kommission als unerlaubte staatliche Beihilfen an. Belgien wurde daraufhin verurteilt die Beihilfen zurückzufordern.