Zeche Westfalen – Nordwanderung des Steinkohlenbergbaus an der Ruhr

Schacht 1 und 2 Zeche Westfalen

Schacht 1 und 2 Zeche Westfalen

Die Geschichte des industriellen Bergbaus in Ahlen beginnt bereits 1873. Eine neue Entdeckung des Ingenieurs Max Fleischer sorgte für einen hohen Bedarf an Strontianit für die Zuckerraffination und in Ahlen liess es sich gut fördern. Wenig später brach der Bedarf nach Erfindung günstigerer Verfahren jedoch bereits wieder ein. Als im Februar 1900 die ersten Bohrungen zur Errichtung eines Steinkohlenbergwerks durch die Gewerkschaft Westfalen stattfanden, gab es so bereits erfahrene Bergleute in der Stadt. Schacht 1 des Bergwerks Westfalen nahm 1912, Schacht 2 1913 seine Förderung auf. Beide Schächte waren auf 517m Teufe zwecks Wasserhaltung verbunden. Westfalen war zu diesem Zeitpunkt eine der tiefsten Zechen an der Ruhr und es galt bis dato ungekannte geologische Störungen im Gebirge sowie Herausforderungen in Bewetterung und Entwässerung zu stemmen. Nach finanziellen Schwierigkeiten und langen Jahren des Aufbaus, war die Hoffnung auf gute Geschäfte groß. Doch den hoffnungsvollen Plänen kam der Erste Weltkrieg in die Quere und so wurde schon 1914 die Hälfte der Belegschaft zum Kriegdienst einberufen. Die Kokerei musste aufgrund fehlenden Personals komplett stillgelegt werden. Zu allem Unglück blieb die sinkende Förderung größtenteils auf Halde liegen, da die Bahnkapazitäten mit dem Transport von Kriegsgerät und zwecks Truppenversorgung ausgelastet waren.

Nach Ende des 1. Weltkriegs erlebte die Zeche turbulente Zeiten. Als junge Zeche musste man sich einerseits in das ungeliebten Rheinisch-Westfälische-Kohlen-Syndikat eingliedern und um seine Pfründe kämpfen, andererseits lief es wirtschaftlich zunächst gut, denn die Industrie florierte nach Ende des Krieges. Schnell jedoch kam es zu einem Überangebot an Kohle, Koks und Stahl, weshalb recht bald wieder viel Kohle auf Halde liegen blieb. Eine Erweiterung der Kreditlinie wurde durch die Deutsche Bank verweigert, weshalb ein Verkauf vom damaligen Giersche Konzern an die Deutsche-Continental-Gas-Gesellschaft die Folge war. Die Gesellschaft betätigte sich u. a. im Geschäft des Betriebs von städtischen Gaslaternen und Zeche Westfalen fiel so an einen neuen Abnehmer für Kokereigas. Westfalen überstand die folgende Weltwirtschaftskrise relativ gut. In den 1930er Jahren belebte sich das Geschäft durch Aufbau und Aufrüstung in der Frühphase des Dritten Reichs. 1936 wurde Schacht 3 („Magdeburg“) abgeteuft, 1940 Schacht 4. Förderung und Belegschaft wuchsen bis Kriegsbeginn kontinuierlich an. In den ersten Kriegsjahren fehlten wieder wichtige Teile der Belegschaft und dennoch wurde die Förderung stetig gesteigert. Da kriegswichtig, wurden Urlaubssperren, Sonderschichten und hohe Zuschläge für die Belegschaft bestimmt. Die Bergleute wurden verschlissen, waren auch aufgrund der Arbeitslast und der schlechter werdenden Versorgung mit Lebensmitteln krank und unzufrieden. Dienstverpflichtete Bergleute und Hilfsarbeiter aus Oberschlesien und Kroatien waren kaum einsatzfähig. In Folge sank die Schichtleistung, da auch immer mehr Stammbelegeschaft zum Kriegsdienst einberufen wurde. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene kamen zum Einsatz. Im März 1945 wurde Ahlen von amerikanischen Truppen eingenommen und die vorläufig letzte Schicht im zwischenzeitlich stark beschädigten Bergwerk Westfalen gefahren.

Wiederaufbau des Bergwerks und Übernahme durch den Eschweiler Bergwerksverein

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges mussten zunächst weite Teile der Zeche wieder aufgebaut werden. U. a. Maschinenzentrale, Kokerei, Kauen und Stromversorgung waren stark beschädigt. Der Aufbau dauerte bis Ende der 1940er Jahre. 1953 wurde Schacht 5 „Düsseldorf“ bis auf 1.073,5m geteuft. Von Schacht 2 aus wurde recht bald eine Strecke auf 1.200m zum Schacht 5 errichtet um ein neues Flöz abzubauen. Der Wiederaufbau des Bergwerks ging mit einer Vollmechanisierung einher, was hohe Investitionen bedeutete. Doch die Fördermengen stiegen daraufhin nicht im erhofften Maße an. Eine Jahresförderleistung von knapp 1,5 Mio Tonnen konnte die Investitionen zunächst nicht rechtfertigen. Die Lage besserte sich im Laufe der 1950er Jahre, jedoch schlitterte die modernisierte Grube 1958 in die allgemeine Kohlekrise.  Nur eine weitere Rationalisierung, die Konzentration auf mächtige Flöze und kontinuierliche Elektrifizierung versprachen ein Weiterbestehen der Zeche. Die notwendigen Kosteneinsparungen führten zu drastischen Entscheidungen. So wurde der 1962 begonnene Schacht 6 ohne Seilfahrtausstattung konzipiert. Bis Ende der 1960er schritt die Umstellung der Vollmechanisierung auf Automatisierung kontinuierlich voran. Westfalen glänzte einige Jahre mit Förderleistungen über dem Durchschnitt der Zechen an der Ruhr.

Ein Problem der tiefen Zechen in den nördlichen, tiefen Revieren schlug in den folgenden Jahren jedoch wieder zu: Der enorme Wasserzufluss. Schacht 1/2 wurden zudem bei allen Modernisierungen vernachlässigt und musste für viele Millionen Mark auf Skipförderung und Elektrofördermaschinen umgerüstet werden. Für Ärger in der Belegschaft sorgte der Zustand der Zechenwohnungen. Ihre Sanierung konnte die Zeche kaum stemmen. Zu allem Unglück sorgten nach spürbarem Personalabbau auch noch Gerüchte über die Schließung des Bergwerks für große Unruhe. Verbreitet wurden sie aus der DDR, waren jedoch haltlos. Ende der 1960er Jahre kam Westfalen allen Problemen und Unkenrufen zum Trotz auch durch die nächste große Krise. Es folgte ein Eigentümerwechsel: Statt zur ungeliebten Ruhrkohle, kam die Zeche in die Hände des Eschweiler Bergwerksvereins. Er erschloss für Westfalen neue Absatzmärkte in der Stahlindustrie der Saar, in Luxemburg und Lothringen. Der EBV unterhielt aus seinem Aachener Revier bereits seit den 1910er Jahren ausgezeichnete Beziehungen zu den dort ansässigen Abnehmern, u. a. ARBED. Über die Hälfte der Förderung aus Ahlen ging an die Stahlindustrie. In den 1980ern wurde das noch zum Problem. Während die Bundesrepublik Kraftwerkskohle subventionierte, unterlag das Kokskohlengeschäft des EBV den Zyklen der Stahlindustrie und höheren Förder- und Transportkosten. Der Eschweiler Bergwerksverein konnte diesen Nachteil auf Dauer gegen die RAG und die an ihr ausgerichtete Steinkohlenpolitik der Bundesrepublik nicht finanzieren.

Modernisierung in den 1980ern und Ende unter der Ruhrkohle AG

Von 1974 bis 1979 wurde zur Erschließung des Nordfeldes Schacht 7 errichtet. 1981/1982 setzte die nächste große Stahlkrise ein und der Absatz sank. Der EBV geriet in Schieflage und musste mit Hilfe der Politik gerettet werden. Rationalisierung und Modernisierung der Zeche Westfalen gehörten zum Überlebenskonzept der folgenden Jahre. Während Schacht 5 1986 abgerissen wurde, erhielt Schacht 7 moderne Kauen- und Verwaltungsgebäude. Große Teile der Belegschaft wechselten von Schacht 1/2 auf Schacht 7. Schacht 3 wurde aufgegeben. Ende der 1980er musste die Politik bereits wieder zur Hilfe kommen. Die nächste große Kohlerunde musste dem kriselnden EBV unter die Arme greifen. Die Stilllegung aller EBV-Zechen im Aachener Revier war unvermeidlich und der kriselnde Rest des EBV ging mit Zeche Westfalen 1993 in der RAG auf. Faktisch führte die Ruhrkohle die Zeche durch vertragliche Vereinbarungen und Beteiligungen aber zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre. Die Angst durch die EBV-Verbindlichkeiten selbst in Schieflage zu geraten sorgten bei der RAG für größte Vorsicht. Die Kokerei war zu dieser Zeit schon stillgelegt und wurde anschließend abgerissen. 

Nach dem Kohlekompromiss 1991 gab die RAG die Schließung des Bergwerks Westfalen bis 1999 bekannt. Der Weiterbetrieb darüber hinaus hätte den Anschluss neuer Abbaufelder notwendig gemacht. Die RAG gab jedoch dem Abbaufeld Donar den Vorzug, das vom Bergwerk Heinrich Robert aus abgebaut werden sollte. Westfalen wurde nach letzten Rückzugsgefechten des Betriebsrats – etwas später als geplant – am 30. Juni 2000 stillgelegt und in weiten Teilen abgerissen. Rund um Schacht 1 und 2, Kaue und Lohnhalle entstand ein Park in dem sich auch Gewerbe, Gastronomie, Kunst und Kultur angesiedelt haben. Von den restlichen Standorten ist fast nichts geblieben. In Spitzenzeiten hatte die Zeche Westfalen 3.500 Beschäftigte. Die maximale Förderung lag 1982 bei 2,7 Mio. Tonnen.